LOGISTIK

Der bösartig, pathologische Büroneurotiker ist wieder am Werk.
Düster umwölkt ist heute der Himmel, stets düster umwölkt sind die Gedanken hinter der Stirn des Bastard Bürohengstes.

Donnerstag. Ein trüber, verregneter Vormittag. Friedlich trommelt der Regen auf das Fensterblech im 3. Stock des Bürogebäudes und gluckert die löchrige Dachrinne hinunter. Dieses Geräusch wirkt immer anregend auf meinen urulogischen Körperbereich, aber ich kann ja nicht ständig rennen, schliesslich gibt es viel zu tun. Trotz meiner mannigfaltigen Pflichten werfe ich einen Blick aus dem Fenster und beobachte die Blasen, die der platschende Regen auf dem schwarzen Asphalt hinterlässt.
Ich entspanne mich bei dieser lehrreichen Naturbeobachtung. Ein beruhigendes, wenn auch etwas abwechslungsarmes Schauspiel.
Gerade fährt ein grosser LKW in unseren Fabrikhof ein, der eine Ladung Rohstahl bringt. Er hält vor unserem Wareneingang.
Ich beobachte neugierig, was jetzt geschieht. Seit letzter Woche haben wir unseren Materialfluss total automatisiert. Ein neuer Rechner steuert das gesamte Logistiksystem vom Wareneingang bis zum Versand.
Der LKW hält neben der Laderampe, ein Sensor übermittelt dem Logistikrechner, dass jemand begehrt Ware abzuladen. Der Fahrer öffnet seine Wagentüre zur Hälfte und mustert eine Weile den grauen Himmel und den strömenden Regen, dann steigt er missmutig aus.
Anscheinend kein Regenfan. Er schlägt die Plane von der Ladefläche zurück und wartet auf den Hängekran, der sich wie von Geisterhand bewegt über den LKW bewegt. Der Fahrer steigt auf die Ladefläche und befestigt den Kranhaken an dem Stahlbündel. Ein automatisch gesteuerter Gabelstapler kommt aus der Halle gefahren und parkt neben dem LKW. Der Kran hebt die Ladung vom LKW, legt dem Gabelstapler die Stahlstangen auf die Gabel und klappt sich danach selbständig wieder ein. Der Gabelstapler setzt sich in Bewegung und fährt in die Lagerhalle. Der anliefernde Chauffeur muss noch die Begleitpapiere in einen Leseautomaten an der Wand des Wareneingangs stecken und kann dann wieder abfahren. Ja, sieht ganz pfiffig aus.
Als verantwortungsbewusster und mitdenkender Mitarbeiter interessiert mich die Störanfälligkeit dieses Systems. Schliesslich könnte durch einen Fehler in diesem Logistigkrechner ein ernsthafter Schaden für unser Unternehmen drohen.
Ich gehe zurück zu meinem Arbeitsplatz und logge mich in den Logistkrechner ein. In ordentlichen Spalten erscheinen auf dem Bildschirm alle Waren die heute zugegangen sind. Die eben angelieferte Fuhre Stahl ist auch schon aufgeführt. 300 kg 42CRNIMOS4V sind gerade auf dem Weg in das Hochlager. Ich schalte das Logistiksystem auf Nothandsteuerung um und erhöhe die Zugangsmenge um drei Nullen, dann stelle ich das System wieder auf Automatik. Wollen doch mal sehen.
Es ist an der Zeit für meinen Betriebsrundgang, den ich täglich zur Informationsbeschaffung vornehme. Ich nehme wie immer den kürzesten Weg in die Produktionshalle und der führt durch die Lackiererei. Die Lackiererei kann man nur durch eine stählerne, selbstschliessende Feuerschutztüre betreten und am anderen Ende wieder durch eine ebensolche verlassen. Mich nervt es immer, dass diese Türen geschlossen sind. Jedesmal wenn ich hier vorbeikomme muss ich die Hände aus den Taschen nehmen, um diese Türen zu öffnen. Um anderen Mitarbeiter dieses Übel zu ersparen stelle ich einen geöffneten Kübel Nitrolack so in die Türe, dass diese sich nicht mehr schliessen kann. Das gleiche auf der anderen Seite. Was das wieder Zeit spart und die Produktivität erhöht! Und ich bekomme dafür nicht einmal eine Belohnung.
Beim Betreten der Produktionshalle stolpere ich erst einmal über eine Palette mit Bauteilen. Schlamperei! Wer hat das Ding denn genau vor die Tür gestellt. Ich sehe mich in der Halle um und wundere mich über die Berge von Paletten und Gitterboxen, die überall unsystematisch herumstehen. Eine ganzes Rudel automatisch gesteuerter Gabelstapler fährt kreuz und quer durch die Halle und transportiert Teile nach einem undurchsichtigen Plan. In einigen Gitterboxen, die von den Staplern durch die Gegend gekarrt werden, stehen wild fuchtelnd und um Hilfe rufend Mitarbeiter. Einige von ihnen bearbeiten die Automatikgabelstapler wütend und scheinbar verzweifelt mit Hämmern. Insgesamt erinnert das Bild an den Strassenverkehr zur Hauptverkehrszeit in Kairo. Das Personal schwirrt umher wie ein aufgescheuchter Bienenschwarm.
Scheint irgendein Problem zu geben.
Dort hinten sehe ich den Schorsch. Er ist unser Produktionsleiter. Im Augenblick hat Schorsch´s Kopf die Färbung eines radioaktiv bestrahlten Rubins, in seinen Augen flackert panische Hysterie.
"Morgen, Schorsch."
"Was willst", fragt er mit überschlagender Stimme.
"Gibt es Probleme?"
"Das gottverdammte neue Logistiksystem spinnt. Aus irgendeinem Grund hat das Ding plötzlich angefangen das gesamte Lager zu räumen und fährt sämtliche Bestände in die Werkstatt."
Niemand kennt den Grund? Ich bewundere die Konsequenz des Logistikrechners. Er braucht Platz für die Stahllieferung von 300000 kg und transportiert deshalb alle Bauteile, die in den nächsten drei Monaten sowieso gebraucht werden in die Werkstatt. Doch, doch der Programmablauf ist schon durchdacht.
Schorsch hetzt einem der automatischen Gabelstapler hinterher, greift ihn von hinten und versucht ihn aufzuhalten. Der Stapler fährt aber unbeeindruckt mit Schorsch im Schlepptau weiter.
Die Hilfslosigkeit meiner Kollegen lässt mich an der Qualität der Schulungsprogramme zweifeln. Ich will den Burschen helfen und gehe zum Ende der Produktionshalle, wo das Terminal steht an dem die fertigestellten Aufträge abgemeldet werden.
Der hier tätige Mitarbeiter duelliert sich ebenfalls gerade mit einem Automatikgabelstapler, sodass sein Arbeitsplatz verwaist ist.
Um ihm zu helfen, melde ich die Aufträge der nächsten drei Monate vorsorglich fertig. Das sollte unser Problem in einigen Stunden lösen, weil das Logistiksystem jetzt automatisch die Speditionen benachrichtigt, um die Waren abzutransportieren. Das wird wieder Platz, Ruhe und Ordnung schaffen. So einfach ist das.
Nun geht es mir in dieser Halle doch ein wenig zu hektisch und unkoordiniert zu und da ich ein sehr harmoniebedürftiger Mensch bin, beschliesse ich die Halle zu verlassen. Ich springe in wahren Känguruhsprüngen zwischen den wild gewordenen Staplern hindurch, deren Hauptstossrichtung sich seit meiner Fertigmeldeaktion deutlich Richtung Versandrampe verlagert hat. Gerade versuchen sie die halbfertigen oder gar nicht bearbeiteten Bauteile versandgerecht zu verpacken und zur Verladerampe zu verbringen.
Schorsch hat einen kurzen Moment aufgeatmet als der Drang der Stapler das Hochlager zu leeren etwas nachliess, aber er bekommt sofort wieder seine rubinrote Gesichtfarbe als er bemerkt, dass sich die Stapler daran machen die Rohteile und Halbfarikate zu versenden. Wieder jagt er den Staplern hinterher und versucht ihnen die unfertigen Werkstücke zu entreissen.
Ich verlasse die Halle und bleibe einige Sekunden im Regen stehen.
Ach, ist das friedlich!
Nur der melancholische Anblick des schwarzen Asphalts unserer Transportwege legt sich ein wenig auf mein Gemüt. Aber ich weiss auch da Abhilfe. Ich gehe trotz des Regens zu unserer Sondermüllsammelstelle und suche das Fass mit den ölgetränkten Putzlappen. Unsere Arbeiter sind inzwischen schon fast so grosse Bürokraten, wie die Angestellten in der Reisekosteabrechnungsabteilung. Fein säuberlich bringen sie ihre Putzlappen in das Fass mit dem doppelten Sicherheitsboden.
Mit spitzen Fingern greife ich mir ein paar der Lappen und breite sie quer über die Strasse vor der Produktionshalle aus. Ein paar Sekunden beobachte ich noch wie der Regen die Lappen durchweicht und sich nach und nach herrlich bunte Rinnsale aufmachen, unseren Hof zu durchqueren. Hübsch!. Ich gehe zurück in mein Büro; dabei nehme ich den Weg aussen um die Produktionshalle herum; innen ist es mir zu hektisch.
Zurück in meinem Büro koche ich erst einmal einen Darjeeling FTGOP und stecke mir eine Zigarre an. Beim Weg in die Teeküche bemerke ich bei einem Blick ins Frauenhaus eine Reihe von Hinterteilen von unterschiedlicher Grösse und Formung, die sich mir entgegenstrecken.
Die Sekretärinnen Nr 4, 6, 7 haben das Fenster trotz des anhaltenden Regens geöffnet und lehnen über den Fensersims. Netter Anblick. Sie kommentieren irgendwelche Geschehnisse auf dem Hof sehr aufgeregt.
Immer am Betriebsgeschehen interessiert stelle ich mich dazu. Unten auf dem Hof laufen herrlich bunte Schlieren über den Asphalt. Ein malerischer Anblick. Sicher steigt die Produktivität der Angestellten, weil dieser Anblick wesentlich positiver auf das Gemüt wirkt als der schwarze, demoralisierende Asphalt. Etwas über Farblehre muss jede Führunggskraft wissen.
Jede der Sekretärinnen sucht sich ihre Liebslingsstelle auf dem Asphalt aus, wo sich ihrer Meinung nach die schönste Färbung gebildet hat. Es bildet sich eine angeregte Diskussion, wer denn nun den schönsten Ölfleck entdeckt hätte. In diesem Moment ertönt ein Sirenensignal und mehrere blaue Blinklichter auf den nassen Gebäudedächern beginngen zu kreiseln. Ölalarm!
Pech für Schorsch, den Kapitän unserer Werksfeuerwehr, dass er ausgerechnet jetzt so sehr beschäftigt ist.
Vor unserer Verladerampe hat sich eine lange Schlange von LKWs der Speditionen gebildet, die das Logistiksystem automatisch geordert hat, um die von mir fertiggemeldete Ware abzuholen. Ich sehe auf der Rampe Schorsch im wilden Duell mit automatischen Staplern und den Fahrern der Speditionen, die die unfertigen Waren einladen möchten.
Doch, doch die Logik in diesem neuen Logistiksystem ist durchaus nachvollziehbar. Vielleicht sollte der Hersteller noch ein paar kleinere Korrekturen an den Sicherheitsroutinen durchführen.

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