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"Äh... ah... Leisch... wie gut, dass Sie... äh... ja. Ich habe hier... hrrrm... ein paar... ähm... Beiträge zur nächsten Dings... äh... zur kommenden BURB Konferenz in Katmandu. Hmm... die müssten noch... äh... begutachtet werden... äh... hätten Sie vielleicht Lust... ähm... der Reviewer zu sein? Ich bin... äh... zur Zeit etwas... hrrm... etwas überlastet... äh... ich meine... hmm... natürlich nur, wenn es Ihnen... äh... gerade passt..."
Der Chef steht in der Türe, wedelt unentschlossen mit einen Packen zerfledderter Computer-Ausdrucke und zieht sorgenvoll die Stirne in Falten.
Ich sage:
"Aber selbstverständlich. Wird sofort erledigt. Gar kein Umstand!"
Sogleich glättet sich die hohe Denkerstirne des Chefs, und er lässt den Packen erleichtert auf meinen Tisch fallen.

Aha, denkt jetzt der Leser, Frau Bezelmann hat den BAfH unter Drogen gesetzt. Oder da sitzt gar nicht der echte BAfH, sondern ein ferngesteuertes Double. Oder das Ganze ist nur eine surreale Halluzination. Jedenfalls gibt's das im wirklichen Leben nicht: Dass sich der BAfH freiwillig Arbeit aufbürden lässt.

Alles ganz falsch! Reviewer für eine Konferenz zu spielen ist fast noch besser als die nächste Vordiplomsprüfung zu entwerfen. Wo sonst kann man ungestraft und anonym fremde Paper verreissen? Und dann bekommt man sogar noch einen dankbaren Händedruck dafür! Einfach herrlich!

Ich überfliege rasch die Spielregeln beim BURB-Review-Prozess. Es gibt verschiedene Kategorien, wie Verständlichkeit, Neuartigkeit und so weiter, die alle von eins bis sechs benotet werden sollen; Kommentar an den wissenschaftlichen Ausschuss der Konferenz und dann das Wichtigste: der anonyme Kommentar an die Autoren.

Das erste Paper lehne ich ungelesen ab, weil es mehr als fünf Autoren hat. Nach meiner Erfahrung kann etwas, woran mehr als fünf Leute gleichzeitig geschrieben haben, nur in unartikuliertem Gestammel resultieren. Und wenn es trotzdem lesbar sein sollte, dann haben sie ganz einfach gelogen, und nur der kleinste Fuzzy im Team musste das Paper schreiben, während die Bonzen sich einfach als Koautoren schmücken. Beide Fälle müssen bestraft werden, also gebe ich viermal die Note sechs.

Das nächste Paper ist von einem einzelnen Autor, anscheinend ein Eierkopf, der nicht im Traum daran denken könnte, dass irgendjemand in diesem Universum NICHT mit seinen bahnbrechenden Forschungen vertraut ist.
Folgerichtig ist der Beitrag so unleserlich wie ein alt-ägyptisches Papyrus nach einem Vollwaschgang bei 90 Grad. Ich verteile munter Noten zwischen vier und sechs und schreibe an den wissenschaftlichen Ausschuss, dass das Paper 'in der retrograden Longitudinal-Traversion der transversalen Obi-3-Gradienten-Matrix' einen 'systematischen Inversionsfehler auf der kardasianischen Hyper-Ebene' aufweise, und das Ganze damit sowieso trivial sei. Da der Beitrag, wie schon gesagt, völlig unverständlich ist, besteht kaum die Gefahr, dass jemand meine Beurteilung anzweifeln könnte.

Paper Nummer drei ist von einem japanischen Team mit lauter Namen, die alle wie 'Lin Kai Fu' klingen. Ich liebe Japaner! Vor allem wenn sie versuchen, englisch zu schreiben! Der Beitrag enthält grob geschätzt nur 3-5% richtige Sätze. Ich kann mir lebhaft vorstellen, wie der Autor vor 500 gähnenden Leuten stockend und mit grauenhafter Aussprache seinen Vortrag herunterleiert, und dann auf sämtliche Fragen nur mit einem hilflosen, aber höflichen Lächeln antwortet. Das sollte man den Konferenzteilnehmern doch wirklich nicht vorenthalten! Wann sonst könnte man sich auf den anstrengenden Konferenzen mal ein Nickerchen leisten, wenn da keine japanischen Vorträge wären! Also gebe ich lauter Einser und schreibe an den wissenschaftlichen Ausschuss, dass sich zu diesem Paper wohl jeder Kommentar erübrige. Ausserdem empfehle sich dieses Paper besonders für einen Vortrag kurz nach der Mittagspause.

Der nächste Autor hat die vorgeschriebene maximale Anzahl von 400 Wörter um genau sechs Wörter überschritten. Ich gebe ihm durch die Bank mittelmässige Noten, schreibe aber einen so geharnischten Kommentar, dass sich sein Selbstbewusstsein - wenn er vorher eins gehabt haben sollte - nie mehr davon erholen dürfte.

Der letzte Beitrag in dem Stapel ist von einer Frau. Selbstverständlich empfehle ich ungelesen die Annahme des Beitrags - schliesslich gibt es so etwas wie Minderbemitteltenschutz. Oder war das Minderheitenschutz? Egal, jedenfalls beschreibe ich der Autorin in meinem Kommentar zum Paper detailliert, was sie für ihren grossen Auftritt auf dem Kongress anzuziehen habe, und wie ihr Makeup zu gestalten sei. Schliesslich wissen viele Wissenschaftlerinnen nicht, was ihre maskulinen Berufskollegen wirklich überzeugt, und den wenigsten ist bekannt, dass Kleiderstoffe mit grossen Punkten bei Männern aggressive Reaktionen hervorrufen. Für ihr Makeup empfehle ich kräftige dunkle Farben, weil man sonst im Scheinwerferlicht so blass aussieht, und natürlich eine Brille, um überhaupt ernst genommen zu werden.

Befriedigt packe ich die Beurteilungen zusammen und bringe sie ins Büro, damit Frau Bezelmann sie zurückschicken kann, bevor der Chef auf die Idee kommt, nochmal hineinzuschauen.

Frau Bezelmann ist eifrig damit beschäftigt, Bewerbungsunterlagen für das neue EU-geförderte STAMMEL-Projekt durchzugehen ('Super Turbo Accessed Multi-Measure Evolution in Linguistics'). Bei den männlichen Bewerbern sucht sie sich die hübschesten Bilder heraus und vereinbart mit diesen Kandidaten Vorstellungsgespräche - ohne den Chef darüber zu informieren. Wenn dann der Chef nicht da ist (weil Chefs bekanntlicherweise am allerseltensten in ihren Büros anzutreffen sind), lädt Frau Bezelmann den enttäuschten Kandidaten mit zuckersüssem Lächeln 'zum Trost' auf einen Kaffee ein.
Bei den weiblichen Bewerberinnen verfolgt Frau Bezelmann eine ganz andere Taktik. Diese werden grundsätzlich nicht eingeladen, es sei denn auf dreimalige, nachdrückliche Aufforderung seitens des Chefs oder mir. Sicherheitshalber vertauscht Frau Bezelmann, bevor wir die Bewerbungsunterlagen zu Gesicht bekommen, die Bilder von den hässlichen mit den hübschen Bewerberinnen, damit 'die männlichen Entscheidungs- und Penis-Träger zu einigermassen objektiven Urteilen kommen können'
(Orginalzitat Frau Bezelmann).

Da ich das schon seit langem mitbekommen habe, lade ich immer nur die hässlichsten Bewerberinnen ein - meistens mit Erfolg.


© Copyright Florian Schiel 1998