| Weather Option |
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| Samstag, den 21. Februar 2009 um 17:20 Uhr | |
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Ich sitze in meinem Allerheiligsten, habe die Schutzschilde hochgefahren (immerhin hat das Semester gerade begonnen!) und beobachte fasziniert die Nachrichten der Boersenticker. Diese Finanzkrise! Wirklich beachtlich! Fast tut es mir leid, dass ich mich damals fuer die akademische Laufbahn entschieden habe; meine Bastard-Kollegen an den Boersenplaetzen muessen sich seit Wochen in einem staendigen Taumel der Begeisterung befinden. Ich meine, wer kann man schon mit wenigen Mausklicks ein paar Milliarden an Kundengeldern - oder noch besser an Steuergeldern - verbraten und nachher mit einer fetten Praemie (und vielleicht einer noch fetteren Abfindung) zum naechsten Disaster ziehen? Boersenmakler, das ist doch der wahre Bastard-Job, wie wir ihn uns alle wuenschen - naja, vielleicht nicht alle, ich jedenfalls. Stattdessen sitze ich hier an dieser truebseligen Exzellenz-Uni und vergraule Studenten aus meinem Hauptseminar! Hmm, mal schauen. Ich stoebere ein paar Stunden in Wikipedia und anderen WWW-Quellen herum, bis ich auf eine vielversprechende Seite ueber Optionen stosse. Warum eigentlich nicht? Im schlimmsten Fall verliert die Uni ein paar hundert tausend Euro, und was juckt mich das! Ich bin unkuendbar! Ich greife zum Telefonhoerer und rufe bei der Germanischen Bank an. So und so, erklaere ich nacheinander einem halben Dutzend Sachbearbeitern, an die ich nach alter Wanninger-Tradition durchgereicht werde, ich suche einen Kundenberater spezialisiert auf den Optionshandel. Nach nicht mal zwanzig Minuten spaeter lande ich bei einem Herrn Wiesel, der sich Spezialist fuer den Terminhandel ausgibt. "Also", sage ich, "das Problem ist ganz einfach: Wir, das heisst die Uni Muenchen, wollen eine Option auf das Muenchner Wetter abschliessen." "Aha, soso. Aeh ... eine Option auf das Wetter also. Das machen wir aber eigentlich nicht ..." "Wetterderivate werden doch schon seit 1999 an den Terminboersen gehandelt", unterbreche ich Herrn Wiesel mit erstauntem Tonfall, "und Sie als moderne Bank koennen so etwas nicht...?" Herr Wiesel beeilt sich zu versichern, dass die Germanische Bank in allen Bank- und Boersengeschaeften hoechst kompetent ist. "Also, eben", sage ich, "ich erklaere Ihnen jetzt mal kurz, wieso wir eine solche Option erwerben wollen: Wir planen fuer naechste Woche am Dienstag um genau Null Uhr 34 und 56 Sekunden ein Experiment durchzufuehren, bei dem wir mit einem Komplex-Reversiven-Argon-Laser, kurz KRAL einen hochenergetischen Quanten-Impuls knapp an der Mondoberflaeche vorbei auf den Jupitermond Titan schiessen werden, mit KRAL also ... koennen Sie mir soweit folgen?" "Aeh ... aehm ... KRAL ... ja, natuerlich ... aeh ..." Mit anderen Worten: PHYSICS BULLSHIT MODE ON "Der KRAL-Impuls wird von der Atmosphaere des Titan reflektiert und kehrt genau dann zur Erde zurueck, wenn der Mond theoretisch um genau seinen Durchmesser weitergewandert ist. Trifft der Impuls nicht mehr bei uns ein, bestaetigt das die Theorie von Prof. Dr. Malzenweisser, dass naemlich der Mond aufgrund Einsteinscher Gravitationsfluktuationen nur scheinbar weiterwandert, sich in Wirklichkeit aber in einem Zustand der makromechanischen Schroedinger-Ungewissheit befindet. Mit anderen Worten, er koennte von uns aus gesehen weitergewandert sein, aber vom Titan aus gesehen vielleicht auch nicht, je nachdem, ob KRAL den Mond trifft oder nicht, verstehen Sie?" Ein paar Sekunden hoerte ich nur das Rauschen von Herrn Wiesels Windoofs-Kiste in der Leitung, und ich fuerchte schon einen Moment lang, dass ich mit meinem Gefasel einen Brain Short Erase (BSE) ausgeloest habe, aber dann kommt: "... aeh ... ja ... aber ... aber, was hat das ..." "Sehen Sie, KRAL hat ca. 2 Millionen Euro gekostet. Und wenn naechste Woche am Dienstag um Null Uhr 34 und 56 Sekunden der Himmel ueber unserem Labor bewoelkt sein sollte, dann war alles umsonst. Die naechste moegliche Konstellation von Mond und Titan ereignet sich erst wieder in 24 Jahren." "Ah ... aaah ..." (Geraeusch eines fallenden Groschen mit 60 dB) "... ich verstehe ... Sie wollen Ihr Risiko eines Totalverlustes von 2 Mio mit einer Option auf schlechtes Wetter hedgen ..." "Was immer Sie sagen - solange Sie zahlen, wenn es bewoelkt ist..." Herr Wiesel verspricht, die Angelegenheit sofort mit der Optionsabteilung durchzurechnen und sich dann wieder zu melden. Waehrend des Gespraechs hat es mehrmals ganz zaghaft an der Tuere zu meinem Allerheiligsten geklopft. Klopfen kann man es eigentlich schon gar nicht mehr nennen, eher ein zartes Streicheln mit mit einer dauerweichgespuelten Gaenseflaumfeder. Bestimmt ein paar unerschrockene Vordiplomstudenten, die herausfinden wollen, wo mein angekuendigtes 'Hauptseminar zur Makroskopischen Quantenstatistik' stattfindet (Studenten, die es bis ins Hauptfach geschafft haben, kommen bestimmt nicht mehr auf die abstruse Idee, an meiner Tuere zu klopfen; dafuer sorge ich regelmaessig in den Vordiplomspruefungen). Dabei braeuchten sie bloss zu nachzulesen, was im Vorlesungsverzeichnis steht. Unter 'Ort und Zeit der Veranstaltung' steht dort klipp und klar: "Ort und Zeit sind retro-reaktive Aspekte der makroskopischen Unschaerferelation. Da der Zeitpunkt dieser Veranstaltung mit unendlich asymptotischer Genauigkeit auf Di 10 Uhr festgelegt wurde, unterliegt der Ort der Veranstaltung einem gleichverteilten Quantenfeld-Kernel-Operator. D.h. die Veranstaltung kann potentiell ueberall sein, bis jemand sie findet." Damit sollte eigentlich alles gesagt sein. Aber nein, es gibt immer wieder den einen oder anderen Superstreber, der meint, es besser wissen zu muessen! Das Telefon klingelt und ich sehe, dass es die Germanische Bank ist. Herr Wiesel ist dran und verkuendet, dass die erforderlich Praemie erstens davon abhaengt, wann wir die Wetteroption kaufen und zweitens wie dann der Wetterbericht fuer Muenchen ist. "Wenn Sie jetzt sofort abschliessen, dann koennte ich Ihnen die Option zum Preis von 630.000 Euro anbieten", sagt er. Ich hacke mich kurz in den Rechner der Finanzbuchhaltung und schaue nach, was auf dem Konto der Uni so rumliegt (ihr werdet's nicht glauben, aber die gesamte Uni hat tatsaechlich ein einzelnes Girokonto bei der Landesbank!). Wie ueblich lungern dort so eine paar Zig Millionen herum; wenn davon 600 Riesen fehlen, merkt das bis naechste Woche bestimmt niemand! Ich sage Herrn Wiesel, dass das gebongt sei, und gebe ihm die Daten fuer den Bankeinzug. Um die armen Buchhalter der Uni nicht noch mehr zu verwirren, gebe ich als Konto des Beguenstigten gleich mein eigenes Girokonto an. Herr Wiesel schluckt auch das ohne mit der Wimper zu zucken. Wenn ich oder sonst irgendein nobody versuchen wuerde, vom Konto der Uni auch nur 6 Euro abzubuchen, ohne dass dafuer vier Formulare mit jeweils drei Unterschriften in fuenf Kopien abgezeichnet wurden, dann wuerden sofort ueberall die Alarmglocken losgehen. Aber wenn die Germanische Bank mal eben per Lastschrift 600.000 Euros einzieht, kuemmert sich kein Mensch darum. (Klar, IRGENDWANN faellt das dann schon mal auf - vermutlich aber erst, wenn der Bayerische Rechnungshof wieder vorbeischaut.) Den Rest der Woche verbringe ich im Versuchskraftwerk im Innenhof der Uni. Die Kraftwerkstechniker, vermutlich irgendeine obskure Kreuzung aus Maschinenbau- und Elektro-Ingenieuren, sind total begeistert, dass sich endlich mal ein externer Kollege fuer ihr todlangweiliges Versuchskraftwerk interessiert. Nach zwei Tagen verstehe ich auch gruendlich, wieso sich niemand sonst dafuer interessiert: letztendlich laeuft es darauf hinaus, Wasser durch Verbrennen von Gas zum Kochen zu bringen und damit eine Dampfmaschine anzutreiben. Wahnsinnig spannend! Ich bekaempfe eisern meine staendigen Gaehnkraempfe und lasse mir alle Details haarklein erklaeren. Habt ihr einen Ingenieur im Freundeskreis? Ich kann euch nur warnen: Frage niemals einen Ingenieur nach einer technischen Erklaerung, ohne vorher gut und reichlich gegessen zu haben! People get hurt that way! Immerhin, als ich am entscheidenden Abend mit meinem nachgemachten Dietrich ins verwaiste Kraftwerk eindringe, weiss ich ohne hinzusehen, welche Haehne ich aufdrehen muss, um den Feuchtigkeitsgehalt der Abgase auf 100% zu treiben. Als ich wieder auf die Strasse trete, hat sich bereits eine dichte Dampfwolke ueber das Uni-Viertel gelegt... Bleibt nur noch anzumerken, dass sich das Versuchskraftwerk direkt neben dem Gebaeude der experimentellen Physik befindet, welches ich im Optionsvertrag als Ort des Experiments angegeben habe. Und auf dem Dach der Physiker ist eine Messstation des Deutschen Wetterdienstes - so ein Zufall! Ich denke, ihr versteht jetzt ein wenig besser, wieso es zur Finanzkrise kommen MUSSTE - und wer am meisten davon profitiert hat... (Bastard Regel #657: Irgendjemand profitiert immer - die Kunst ist, dieser Jemand zu sein!) Copyright Florian Schiel 2009 |
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| Aktualisiert ( Samstag, den 21. Februar 2009 um 17:22 Uhr ) |


