| Chocolate |
|
|
|
| Freitag, den 10. August 2007 um 21:21 Uhr | |
|
Ich sitze im Cafe und bin eifrig damit beschaeftigt, die Zeit bis zum
Mitttagessen totzuschlagen, sprich, ich lese die Zeitung und schluerfe meinen dritten Espresso, als mein Handy laeutet. Irgendwie habe ich jedesmal, wenn das Ding losheult, das vage Gefuehl, irgendwas in meinem Leben falsch gemacht zu haben. Koennt ihr euch noch an die Zeiten erinnern, als man einfach mal aufs Klo gehen konnte, ohne fuer jeden beliebigen Idioten erreichbar zu sein, der 7 Ziffern eintippen kann? Nein? Tja, sic transit gloria mundi! Zum Glueck hat mein Handy eine 'Gespraech Abweisen'-Taste; die Taste ist vom vielen Gebrauch schon komplett abgewetzt. In letzter Sekunde sehe ich, dass es sich um die Nummer meines Sachbearbeiters vom Europaeischen Patentamt handelt. (Es ist uebrigens schon der vierte Sachbearbeiter, dem meine Patentantraege jetzt zugewiesen werden; keine Ahnung, was mit den anderen passiert ist. Bestenfalls sind alle in Fruehrente gegangen.) "Hallo", melde ich mich. Der Sachbearbeiter kommt ohne Umschweife zur Sache. Es handele sich um meinen Patentantrag Nummer rattert er routiniert herunter. Dann aber stockt der buerokratisch geoelte Redefluss abrupt. "Aeaeaeaeh ... also ... wie soll ich sagen ..." "Na, was denn?" frage ich ungeduldig. "Spucken Sie's schon aus. Ich hab' auch nicht den ganzen Tag Zeit!" Ich winke der Bedienung fuer einen neuen Espresso. "Fehlt etwa schon wieder irgendein Formular?" "Nein, nein", beeilt sich Sachbearbeiter zu versichern, "formal ist alles in Ordnung ..." "Aber?" Ich hoere, wie jemand am anderen Ende der Leitung sich einen moralischen Ruck gibt. "Herr Leisch! Das koennen Sie doch nicht ernst meinen, oder? Ich meine ... aeh ... "Was? Was kann ich nicht ernst meinen? Glauben Sie vielleicht, ich fuelle 199 Formulare aus, wenn ich etwas nicht ernst meine?" Am anderen Ende raschelt es in den 199 Papieren, und der Sachbearbeiter holt tief Luft. "Sie wollen ... also eine neue Art von Schokolade patentieren..." Ich bestaetige, dass das richtig sei. "... und Sie schreiben hier - ich zitiere - 'Das Neuartige an der Erfindung besteht darin, dass der Genuss der zu patentierenden Schokolade zu einer signifikanten, dauerhaften raeumlichen Ausdehnung der ... aeh ... weiblichen Brust fuehrt." Auch diese wird von mir ruhig bestaetigt. "Aber das kann doch nicht Ihr Ernst sein ..." "Sie wiederholen sich!" "... wie wollen Sie das denn beweisen, zum Kuckuck?!" Ich verweise auf den hinteren Teil des Patentantrags, genauer gesagt Formular 14b, Teil III, wo ich ausfuehrlich beschreibe, wie Langzeitstudien mit Studentinnen der Universitaet Muenchen sowie einer Kontrollgruppe zu signifikanten Vergroesserungen der jeweils schokoladig unterfuetterten Busen fuehrten, wogegen die Kontrollgruppe keinerlei Veraenderungen zeigten. "Aber ... aber das ist doch laecherlich!" platzt der Sachbearbeiter heraus. "Genausogut haetten Sie denen Schweinebraten fuettern koennen; das haette den gleichen Effekt gehabt!" Ich betone kuehl, dass nirgends in meinem Patentantrag stehe, dass nicht auch andere Lebensmittel zu einer Zunahmen der weiblichen sekundaeren Geschlechtsorgane fuehren koennten. Das sei aber hier auch gar der fragliche Punkt, weil es hier ausschliesslich um meine Schokolade gehe. Und meines Wissens habe noch nie jemand die Tatsache, dass Schokolade die weibliche Figur in bestimmten strategisch wichtigen Regionen verbessern koenne, patentieren lassen. Der Sachbearbeiter wird jetzt kategorisch: "Ich sag's Ihnen gleich, Herr Leisch: das wird niemals durchkommen! Voll-kommen aus-ge-schlossen!" "Hmm", erwidere ich, "habe ich schon erwaehnt, dass ich vor ein paar Stunden einen Anruf aus Ihrem Hause bekommen habe?" "Aeh ... nein?" "Ja, ein Anruf von einer Frau Dr. Henning-Flaetbuss. Ist das nicht zufaellig Ihre Abteilungsleiterin?" Zoegernd gibt der Sachbearbeiter zu, dass dem so sei. "Frau Dr. Henning-Flaetbuss hat anscheinend zufaellig meinen Patentantrag bei Ihnen herumliegen sehen. Sie hat sich eingehend bei mir erkundigt,ob, wann und wo man diese Schokolade, die ich zu patentieren beabsichtige, kaeuflich erwerben koenne. Im Falle eines Falles wolle sie gleich 400 Packungen abnehmen..." Am anderen Ende der Leitung herrscht Stille. "Hallo?" frage ich. "Sind Sie noch da? Glauben Sie immer noch, dass eine Patentierung meiner Idee voll-kommen ausgeschlossen ist?" Von der anderen Seite kommt nur noch ein genuscheltes: "... mal sehen, was ich tun kann ..." dann legt der gute Mann auf. Wundert euch also nicht, wenn in naher Zukunft der Konsum von Schokolade noch mehr boomen wird, als er es sowieso schon tut ... Nach einem ausfuehrlichen Mittagessen begebe ich mich zurueck zum LEERstuhl, damit Frau Bezelmann nicht immer behaupten kann, ich wuerde das Mittagessen nahtlos in die Kaffeepause uebergehen lassen. Im Buero des Chefs, der wie immer nicht da ist, steht der Kollege O., der vom Chef die ehrenvolle Aufgabe erhalten hat, in allen Zimmern Deckenventilatoren zu installieren. Das kam so: Die Uni-Leitung hat nach jahrelangen wuetenden Protesten der Studentenschaft und zunehmend auch der Professoren beschlossen, der voranschreitenden Klimaveraenderung mutig ins Auge zu sehen. Tatsache ist naemlich, dass wir hier in Muenchen jetzt bald in jedem Sommer subtropische Verhaeltnisse haben, und die Uni-Gebaeude - die zum Teil noch aus dem 18. Jahrhundert stammen - fuer solche Verhaeltnisse einfach nicht geschaffen sind. Die Folge ist, dass immer mehr Dozenten eigenmaechtig Hitzefrei geben, weil ihnen dauernd die Kreide aus der schweissigen Hand flutscht oder der Laptop den Hitzetod stirbt. Und die Studentenschaft beschwert sich lautstark, dass man fuer 500 EUR Semestergebuehren ja wohl erwarten duerfe, dass in den Hoersaelen sauerstoffhaltige Luft vorhanden sei. Die naheliegendste Loesung, naemlich vernuenftige Klimaanlagen einzubauen, kommt wegen der hysterischen Tse-Oh-Zwei Debatte, die zur Zeit alle Politiker verrueckt macht, natuerlich nicht in Frage. Also hat der Hochschulrat in seiner goettlichen Unfehlbarkeit beschlossen, den Einbau von Miefquirlen zu gestatten, die wenig Strom verbrauchen, aber trotzdem den Anschein eines verbesserten Raumklimas erwecken. Der Kollege O. balanciert gerade gefaehrlich auf der Leiter und versucht, mit dem Akkuschrauber die Rotorblaetter am Motor zu befestigen. Ich beobachte ihn ein paar Sekunden vom Gang aus, dann schalte ich den bereits fix und fertig installierten Schalter auf 'Tornado'. Sofort setzt sich der Motor in Bewegung, und der Kollege O., vollkommen ueberrascht, verliert den Halt auf der Trittleiter, klammert sich instinktiv an die Rotorblaetter und begibt sich auf eine unfreiwillige Karusellfahrt. Leider ruft sein infernalisches Bruellen sofort Frau Bezelmann auf den Plan, die das interessante Experiment unterbricht, indem sie den Stecker aus der Wand rupft. Der Kollege O. dreht noch ein paar Ehrenrunden, bevor er sich, hochrot im Gesicht, auf den Boden plumpsen laesst. "Leisch!" bruellt er, sobald er wieder Luft holen kann. "Du bist ja wohl vollkommen bescheuert , oder was?!" Ich erklaere unschuldig, dass ich lediglich das Licht habe einschalten wollen. Der Kollege O. starrt mich mit hervorquellenden Augen an, dann guckt er aus dem Fenster, wo eine strahlende Julisonne an wolkenlosen Firmament strahlt, und holt tief Luft, um ein weiteres Donnerwetter von Stapel zu lassen. Aber Frau Bezelmann schneidet ihm das Wort ab. "Sssagen Sssie mal, issst der Ventilator nichchcht viel zzzu tief?" zischt sie und betrachtet kritisch den halb fertig installierten Rotor. Aus dem Konzept gebracht, laesst der Kollege O. den Dampf ab und fragt: "Was?! Zu tief? Wieso?" "Wie hoch ist denn die Decke hier", mische ich mich ein, froh ueber die Ablenkung, denn immerhin hat es sich herumgesprochen, dass der Kollege O. seit neuestem Kickboxen betreibt. "Aeh ... zwei Meter dreissig ..." Ich schnappe mir den Meterstab und halte ihn an den Ventilator. "Und der Ventilator-Schaft ist ca. 35 Zentimeter lang, der Motor nochmal 10 Zentimeter ... hmm ... wie gross ist der Chef ungefaehr?" Wir denken angestrengt nach. "Er ... er ist auf jeden Fall groesser als ich ...", meint der der Kollege O. zoegernd. "Um wie viel groesser?" "Naja, einen Kopf etwa ..." Frau Bezelmann und ich starren den Kollegen O. an. "Was ... was schaut ihr denn so?" fragt der Kollege O. nervoes. "Sssie sssind mindessstensss ein Meter achzzzig!" zischt Frau Bezelmann drohend. Der Kollege O. wird immer bleicher, waehrend sein Grosshirn die Mathematik erledigt. "Wenn ich das richtig sehe, werden die Rotoren genau auf Stirnhoehe des Chefs sein", sage ich froehlich. Der Kollege O. erklaert hastig, dass nicht er fuer die Besorgung der Ventilatoren zustaendig war. "Sssondern wer?" erkundigt sich Frau Bezelmann mit unheilschwangerer Grabesstimme. So sehr sie den Chef unter ihrer Fuchtel hat, so sehr steht der Chef andererseits auch unter ihrem muetterlichen Schutz. Und jemand frontal anzugehen, der unter Frau Bezelmanns muetterlichem Schutz steht, entspricht ungefaehr dem Versuch, eine Lesung von Salman Rushdie in einer Koranschule zu veranstalten. "Die neue Beschaffungsstelle, die Beschaffungsstelle der Uni war das!" beteuert der Kollege O. mit Schweissperlen auf der Stirn. Frau Bezelmann zieht sich sofort ins Sekretariat zurueck, um der Beschaffungsstelle gruendlich die Leviten zu lesen, und der Kollege O. stellt sofort erleichtert saemtlich Montagearbeiten ein. Gemeinsam schaffen wir die noch verpackten Ventilatoren in das ausgediente Physik-Praktikum III, wo sie vermutlich noch in zwanzig Jahren herumliegen werden. Auf dem Weg zurueck ins Cafe denke ich ueber das bedauernswerte Schicksal der neue Beschaffungsstelle nach. Fast tun sie mir leid, so mit Frau Bezelmann im Nacken. Andererseits sind die Burschen auch wirklich selber schuld! Wenn auf ihrem Bestellrechner ein vernuenftiges Administrator-Passwort waere, haette ich mich schliesslich nicht so leicht einhacken und die Ventilatorbestellung aendern koennen. Also bitte! Copyright Florian Schiel 2007 |


