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Geschrieben von: Administrator
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Sonntag, den 03. April 2005 um 00:00 Uhr |
SCHNEEWITTCHEN FREI NACH SIGMUND FREUD
Es war einmal eine Koenigstochter. Sie liebte ihren Vater sehr, denn sie hatte
einen verdraengten Elektra-Komplex. Weil sie so schoen war, befiel ihre mit
einer starken sadistischen Triebkomponente versehene Stiefmutter, der
Sexualneid und
sie befahl einem Jaeger, Schneewittchen in den Wald und damit einem letalen
Ausgang zuzufuehren. Hier beging die Koenigin aber eine Fehlleistung, denn der
Jaeger war ein Fetischist und erstach statt des Maedchens nur ein Reh, indem er
das Herz des Rehs als Symbol oder Fetisch fuer das Herz des Kindes nahm.
Schneewittchen aber kam zu den sieben Zwergen und legte sich der Reihe nach in
ihre Betten. Der Symbolgehalt dieses Vorgangs braucht wohl nicht naeher
erlaeutert zu werden. Als die heimkehrenden Zwerge das schlafende Maedchen
vorfanden, wurde ihre Libido stark gereizt, doch hatte jeder der Zwerge wegen
seiner Kleinheit einen Minderwertigkeitskomplex, und daher wagten sie
Schneewittchen nur zum Aufraeumen und Geschirrabwaschen zu benuetzen. Im
weiteren Verlauf der Handlung spuert die boese Koenigin Schneewittchen auf und
vergiftet das Kind mit einem Apfel. Wir werden in der Annahme nicht fehlgehen,
wenn wir sagen, dass dieser Apfel der Apfel der Erkenntnis ist. Durch den
Schock
dieser ploetzlichen Aufklaerung faellt das Maedchen in schwere hysterische
Zustaende, zuletzt in eine totenaehnliche cerebrale Laehmung. Nun kommt die
exhibitionistische Triebkomponente der Zwerge zum Durchbruch, denn sie stellen
das tot scheinende Schneewittchen in einem glaesernen Sarg zur Schau.
Schliesslich kommt ein nekrophiler Prinz des Weges und kuesst Schneewittchen,
weil er es fuer keine Leiche haelt. Durch diesen Kuss erfolgt aber im
buchstaeblichen Sinn die Erweckung des Maedchens, die beiden werden Mann und
Frau, und wenn sie nicht gestorben sind, haben sie noch heute Komplexe.
Aus: Wolfgang Mieder (Hrsg.):
Grimms Maerchen - modern. Prosa, Gedichte.
(restl. Buchdaten unbekannt.)
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